Fachkräftemangel

Mangel macht erfinderisch

Von Thomas Schulze · 2014

Fachkräfteengpässe machen sich derzeit in vielen Unternehmen bereits in Form von Rekrutierungsschwierigkeiten bemerkbar. Vor allem in den Segmenten Energie und Elektro sowie Maschinen- und Fahrzeugtechnik werden Bewerber gesucht.

Freie Plätze, nicht nur an der Werkbank

Egal ob in Wirtschaft oder Politik, immer wieder ist vom Fachkräftemangel in Deutschland die Rede. Aber gibt es ihn überhaupt? Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit (ba), sieht zwar, dass sich der Fachkräftemangel kontinuierlich verschärft, einen flächendeckenden Mangel lässt aber auch die BA-Fachkräfteengpassanalyse nicht erkennen.

Deutliche Engpässe gebe es aber in einigen Berufen. Diese Feststellung entspricht auch der Einschätzung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) im „Arbeitskräftereport“ aus dem Jahr 2011, der wiederum auf Auswertungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) basiert. Last but not least sind auch Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), und Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), der Meinung, dass es derzeit keinen generellen Fachkräftemangel in Deutschland gibt.

Besonders betroffen sind KMU

Auch wenn nicht flächendeckend, so machen sich dennoch Fachkräfteengpässe derzeit in vielen Unternehmen bereits in Form von Rekrutierungsschwierigkeiten bemerkbar. Laut „Engpassanalyse 2013“ des Bundesministeriums für Wirtschaft betreffen diese auch viele kleine und mittlere Unternehmen (kmu). Bereits Ende 2012 berichteten zwischen 32 und 66 Prozent der KMU von mittleren oder großen Problemen, offene Stellen mit Fachkräften zu besetzen. Betrachtet man Berufsfelder – also Berufsgattungen von Berufen mit ähnlichen Merkmalen, finden sich der größte Mangel bei Energie und Elektro sowie bei der Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Hier liegen in mehr als der Hälfte aller Berufsgattungen Engpässe vor. Auch im Bereich Metall sind knapp die Hälfte aller Berufe betroffen. Probleme nicht zuletzt aufgrund des demografischen Wandels sieht vor allem der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Nach einer Untersuchung des VDI hat Deutschland heute schon die ältesten Ingenieure in Europa, jeder Fünfte sei über 55 Jahre alt. Umgekehrt sind nur 18 Prozent der Ingenieure in Deutschland jünger als 34 Jahre. Beide Werte bilden Schlusslichter im Europa-Vergleich. VDI-Präsident Udo Ungeheuer: „Ab dem Jahr 2020 wird uns das Problem der Überalterung voll im Griff haben.“

Immer mehr Einsatzbereiche für Ingenieure

Am Kampf um Talente beteiligen sich inzwischen auch Banken und Versicherungen. Sie bemühen sich heutzutage genauso um die Anwerbung von Ingenieuren wie die Industrie, da sich immer mehr technisch-wirtschaftliche Zusammenhänge nicht mehr ohne solide Ingenieurausbildung beurteilen lassen. Im Zeitraum von 2005 bis 2011 ist die Zahl der erwerbstätigen Ingenieure in Deutschland um 20 Prozent auf 1,66 Millionen gestiegen. Dabei nahm die Zahl der Ingenieurinnen mit 34 Prozent auf 275.000 sogar deutlich überproportional zu. Nach einer Berechnung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) gab es Anfang 2014 in Deutschland insgesamt 63.700 unbesetzte Arbeitsplätze für Ingenieure.

Der IT-Arbeitsmarkt wächst

Über Fachkräftemangel, wenn auch nicht flächendeckend, klagt auch die Informations- und Kommunikationstechnologiebranche (IKT). Nach Angaben des Verbandes Bitkom legt die Branche durchschnittlich jedes Jahr um etwa 10.000 Arbeitsplätze zu und sei mittlerweile der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber deutlich vor der Automobilbranche. Nur der Maschinenbau liege weiter vorn. Die Zuwanderungspolitik der Bundesregierung habe die Lage zwar etwas zum Besseren gedreht, aber laut Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder „noch nicht dazu geführt, dass wir in Deutschland aus dem Vollen schöpfen könnten“. Eine stärkere Werbung für den hiesigen Technologie-Standort sei daher nötig. „Wir werden die Lücke vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen ohne gezielte Zuwanderung nicht schließen können“, ergänzt Bitkom-Präsident Dieter Kempf.