Automobilindustrie im Wandel

Die Mobilitätswende im Visier

Von Michael Gneuss · 2021

In der deutschen Industrie dominiert traditionell die Automobilproduktion. Unter den fünf umsatzstärksten Unternehmen des Landes sind mit Volkswagen, Daimler und BMW gleich drei Autohersteller. Die Branche wird zudem von vielen Zulieferern getragen, die oft ebenfalls global ausgerichtet sind. Mehr als 800.000 Menschen sind hierzulande in diesem Industriesektor beschäftigt. Etwa die Hälfte der europäischen Wertschöpfung im Kraftfahrzeugbau findet in Deutschland statt.

Zwei Mitarbeiter in der Autoindustrie
Die Fahrzeugindustrie bleibt ein beliebter Arbeitgeber. Foto: iStock / gorodenkoff

Hoch angesehen sind die Autohersteller und -zulieferer zudem als Arbeitgeber. Laut der Studie „Randstad Employer Brand Research 2021“ stammen von den zehn beliebtesten deutschen Arbeitgebermarken gleich sechs aus der Autoindustrie. Vier davon sind Hersteller, zwei Zulieferer.

Automobilindustrie im Wandel – eine Branche im Umbruch

Doch kaum eine Branche befindet sich derzeit auch so stark im Umbruch wie die Fahrzeugindustrie – aus mehreren Gründen. So ist mittlerweile klar, dass die Hersteller für die Zukunft auf den Elektroantrieb setzen werden und nicht mehr auf den klassischen Verbrennungsmotor. Auch darüber hinaus richtet sich die Branche über alle Wertschöpfungsstufen hinweg auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz aus. Gleichzeitig werden enorme Kapazitäten für die Entwicklung des autonomen Fahrens aufgewendet.

Immerhin stammen derzeit mehr als 50 Prozent aller weltweiten Patente für diesen Technologiebereich aus Deutschland. Schließlich beschäftigt sich der Sektor auch mit den Bedürfnissen der jüngeren Generationen, für die Mobilitätsdienste immer wichtiger werden und das Eigentum an einem Fahrzeug an Bedeutung verliert. Auch bringt die digitale Transformation Bewegung in die Autoindustrie. Das Ziel ist, immer mehr Umsätze mit Services zu generieren, die beispielsweise „over the air“ in das Fahrzeug gespielt werden. In diesem Zusammenhang wird auch die Arbeit mit Daten immer wichtiger, da daraus der Bedarf für die Dienste abgeleitet oder die Qualität der Produkte verbessert werden kann. Daraus sind bereits jetzt neue Berufsbilder wie der Data Scientist entstanden. Data Science beziehungsweise auch das maschinelle Lernen sind die essenziellen neuen Technologien für automatisch lernende Produkte und Prozesse in der Autoindustrie der Zukunft. Gerade Daten gelten als der wertvollste Rohstoff in diesem Jahrhundert. Als Spezialist, der mit diesem Wert umzugehen weiß, hebt der Data Scientist diesen Schatz. Die entsprechenden Anwendungen können sich über alle Unternehmensbereiche erstrecken. So hilft der Data Scientist den Ingenieuren, Daten aus Testfahrten auszuwerten. Er kann aber auch bei der Modellierung und Bewertung von Leasingverträgen hilfreich sein.

Neue Qualifikationen benötigt

Solche Berufsfelder sind Kennzeichen der Mobilitätswende, die mit einem deutlichen Wandel der benötigten Qualifikationen einhergeht. Auf der einen Seite ist der Personalbedarf für Elektroantriebe deutlich geringer als der für Verbrennungsmotoren. Der Verband der Automobilindustrie erwartet deshalb, dass bis zum Jahr 2025 fast ein Viertel der Arbeitsplätze im Fahrzeugbau gefährdet ist. Andererseits lässt aber die Digitalisierung ganz neue Arbeitsfelder entstehen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie des ifo-Instituts und des Netzwerks LinkedIn. Danach sind vor allem digitale Kompetenzen in Spitzentechniken wie dem autonomen Fahren auf dem Vormarsch. Bei den LinkedIn-Mitgliedern aus der Autobranche hat sich die Zahl der neu angegebenen Digital-Kompetenzen von 2015 bis 2020 verdoppelt. Um IT-Know-how ins Unternehmen zu holen, setzt die Autoindustrie in erster Linie auf Neueinstellungen. Der ifo-Studie zufolge haben neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Branche zu 71 Prozent häufiger digitale Fähigkeiten in Spitzentechniken als Beschäftigte, die schon früher eingestellt worden sind. Nach Ansicht der Experten vom ifo-Institut kann das Recruiting auf dem Arbeitsmarkt aber nur ein Teil der Strategie sein. „Es ist dringend nötig, auch die langjährig Beschäftigten weiterzubilden und für die neuen Anforderungen fit zu machen“, sagt Oliver Falck, Leiter des ifo-Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien.

Vorteile gegenüber dem Ausland

Hoffnungen bereitet indes ein Vergleich mit dem Ausland, denn der Studie zufolge beschäftigen die deutschen Unternehmen mehr Fachkräfte für Digitalisierung, Ingenieurwesen und IT als die Konkurrenten aus anderen Ländern. „Deutschland scheint bei der Digitalisierung in der Automobilindustrie im globalen Vergleich relativ gut aufgestellt zu sein“, so Falck. Der Experte beobachtet allerdings Unterschiede zwischen den großen Unternehmen der Branche und den kleineren Zulieferern. Letztere hätten noch Nachholbedarf bei den Digital-Kompetenzen ihrer Beschäftigten. Durchschnittlich zeigten sich bei den Beschäftigten der großen Hersteller um 23 Prozent häufiger entsprechende Fähigkeiten.

War for Talents

Um den Bedarf an neuen Qualifikationen zu decken, muss die Autoindustrie im War for Talents kräftig mitmischen und sich vor allem als Arbeitgeber für Software-Experten positionieren. Denn der klassische Fahrzeugbau-Ingenieur ist nicht mehr überall in der Lage, die Aufgaben der Branche zu erfüllen. Begehrt sind vielmehr Talente, die Ingenieurswissen mit Kenntnissen aus den Informationstechnologien verbinden. Denn zum Beispiel Programmierarbeiten nehmen einen immer größeren Anteil an der Entwicklung von Automobilen ein. Gefordert sind nun die Hochschulen.

Aktuell schaffen es zumindest die Hersteller und großen Zulieferunternehmen noch relativ gut, das nötige Personal zu rekrutieren – auch wenn die Bewerberzahlen sinken. Doch da die Digitalisierung in allen Branchen voranschreitet, kann es in der Zukunft auch für die deutsche Leitindustrie enger werden. Allein auf die Attraktivität dieses Wirtschaftszweigs zu setzen, wird nicht reichen. Die Unternehmen bedienen daher auch Themen wie Work-Life-Balance, Arbeit 4.0 oder regelmäßige Weiterbildungen, um Talente anzuziehen.

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